Baustelle Schule? – Stürmische Zeiten in der Bildungspolitik

Berlin wächst jährlich um bis zu 40.000 Menschen an – damit steigt auch die Zahl der Schüler*innen dieser Stadt. In enger Zusammenarbeit zwischen dem Land und den Bezirken werden die Fragen der Schule von morgen angegangen, dabei ist Schule nicht nur ein Gebäude, das Platz benötigt, sondern auch immer ein Spiegel des Sozialraums – mit eigener Dynamik und sozialen Beziehungen. 

Zum Schuljahresanfang gingen viele Zahlen durch die Presse: 2.700 neue Lehrkräfte, 380 neue Erzieher*innen, 33.800 Erstklässler*innen. Insgesamt werden ca. 363.000 Schüler*innen im Schuljahr 2019/20 an den allgemeinbildenden Schulen in Berlin lernen. Das ist ein Anstieg um 6.000 Schüler*innen im Vergleich zum letzten Jahr. Das Berliner Schulnetz ist riesig, die Abhängigkeiten zwischen den Akteur*innen groß. Vor diesem Hintergrund dauern selbst kleine Veränderungen lange, bis sie in einer Klasse konkret umgesetzt werden können. Komplexe Veränderungsprozesse, wie z.B. die Berliner Schulbauoffensive, die Gewinnung von hunderten Lehrkräften, die sozialräumliche Öffnung der Schulen, das Auffangen von zum Teil sehr schwierigen sozialen Beziehungen in den Brennpunktlagen, die Etablierung von multiprofessionellen Teams an den Schulen, neue oder ergänzende Unterrichtskonzepte – all dies erfordert viele Fachkräfte, Koordination, Offenheit  und vor allem viel Geduld von Eltern, Kindern und dem Schulpersonal. 

R2G wirkt

Der Bildungsmonitor 2019 zeigt zwar, dass Berlin im Ländervergleich weit hinten liegt, gleichzeitig bescheinigt er Berlin aber die „viertstärkste Verbesserung“ aller Bundesländer, insbesondere in den Bereichen der überdurchschnittlich vielen Unterrichtsstunden, die tatsächlich erteilt werden, sowie der umfassenden Ganztagsbetreuung.

Ein Qualitätspaket mit 39 Maßnahmen soll für bessere Lernergebnisse sorgen, z.B. durch eine Stunde mehr Deutsch in der 1. und 2. Klasse. Aber der Konflikt ist deutlich: Diese Veränderung bedeutet Mehraufwand für die Lehrkräfte. Als R2G arbeiten wir an der Weiterentwicklung der Gemeinschaftsschulen, am Ausbau der Oberstufenzentren und an der Stärkung der regionalen Schulaufsicht.

Gleichzeitig entlasten wir Familien: mit dem kostenlosen BVG-Ticket für alle Schüler*innen, dem freien Mittagessen und der Geschwisterregelung für Grundschüler*innen.

Neue Schulen

Als Innenstadtbezirk steht insbesondere Friedrichshain-Kreuzberg vor der Herausforderung, die wachsenden Schüler*innenzahlen, damit einhergehende Forderungen nach mehr Schulen und gleichzeitig ausgeschöpfte Flächenbestände miteinander zu vereinbaren. Das fordert eine besonders enge Kooperation zwischen dem Land und dem Bezirk. Im Mai 2019 veranstaltete ich gemeinsam mit dem Schulstadtrat Andy Hehmke (SPD) ein öffentliches Kiezgespräch über die aktuelle Situation unserer Schulen. Besorgte Eltern, pädagogisches Personal und Vertreter*innen aus verschiedenen Verbänden stellten Fragen und erörterten Lösungsstrategien der bezirklichen Schullandschaft.

Der Bezirk muss alle verfügbaren Flächen als Schulstandorte prüfen und Maßnahmen einleiten, bereits bestehende Schulen zu erweitern sowie neue Schulen zu schaffen. Auf Landesebene schaffe ich dafür unterstützende gesetzliche Rahmenbedingungen und stelle mit meinen Kolleg*innen Mittel zur Verfügung, u.a. für die Berliner Schulbauoffensive. Neue Regelungen und schnellere Verfahren sollen dem Bezirk helfen, neue Schulstandorte zeitnah erschließen zu können, wie zum Beispiel die Grundschulen in der Oder- oder in der Pufendorfstraße.

Wir brauchen Geduld

Für Planung, Neubau, Ausbau und Instandsetzung benötigen wir viele Fachkräfte aus dem Handwerk, aber auch aus den Ämtern. Ein Konflikt, der in unserem Kiezgespräch deutliche wurde: Einerseits baten Lehrer*innen dringend um die Installation von Schallschutzmöglichkeiten in bestehenden Schulen, andererseits forderten Eltern eindrücklich die Schaffung neuer Räume, um Klassengrößen möglichst gering zu halten. Die Anzahl der im Bezirk tätigen Baufirmen ist aber begrenzt und damit eine klare Priorisierung der Arbeitsvorgänge notwendig.

Deswegen müssen wir nun Alternativen denken: Schulen auf flachen Gebäuden, Sportplätze auf Supermärkten, Schulen in Holzbauweise, Fliegende Klassenzimmer – Ausweichorte finden und den Bezirken die Mittel zur Verfügung stellen, das ist nun die große Aufgabe der Politik auf Landesebene.

Marianne Burkert-Eulitz (MdA, Wahlkreisabgeordnete) für den Stachel September 2019