Gegen die Domestizierung

Zum Tod von Chuck Berry

„Müsste man ein anderes Wort für Rock’n’Roll finden, könnte man ihn Chuck Berry nennen“, meinte John Lennon einmal. Gewiss hat Berry den Rock nicht „erfunden“, der lag vielmehr in der Luft, aber mit seinem metallischen Gitarrensound in einem Uptempo-Blues-Schema, seinen Texten und vor allem seiner Körperperformance sprach er seit 1956 auf einzigartige Weise das Begehren der Jugendlichen an, die sozialen Disziplinarmächte zu durchbrechen und sich unkontrollierte Ausbruchsversuche zu erlauben.

Der Rock’n’Roll war der Sound zu dieser Suche nach einem anderen Leben, Chuck Berry einer seiner expressivsten Musiker. Aus dem Blues, Boogie Woogie und Swing bastelte er einen unverkennbar eigenen Stil. Mehr als Elvis‘ Hüftschwung spiegelte Berrys (trotz eingeübtem „Entengang“) unentwegte körperliche Spontaneität bei seinen Auftritten den Wunsch seines Publikums, die in Familie, Schule und Berufsausbildung eingeübten Körperpanzerungen hinter sich zu lassen: Beweglich sein und Tanzen, Spaß und Dampfablassen, Lust auf sexuelle Erfahrungen und Beziehungen war­n daher die Themen seiner von enormer rhythmischer Energie geladenen Kompositionen. Das kam an, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, insbesondere übrigens im autoritären Nachkriegsdeutschland, wo vielen der Nazidrill noch immer in den Knochen steckte.

Chuck Berrys bekanntester Song handelt vom Traum, als Musiker eine tolle Zukunft zu haben: Sein Johnny B. Goode hatte nie so recht das Lesen und Schreiben gelernt, spielte aber Gitarre als würde er eine Glocke schlagen. In Too Much Monkey Business rechnete er mit der amerikanischen Musikindustrie ab. Am 18. März starb er in St. Louis.

Wolfgang Lenk, Bezirksverordneter