Geschichts- und Lernort Dragonerareal

Dragonerareal (c) Peter Manz

Dragonerareal (c) Peter Manz

Auf dem Gelände der ehemaligen Dragonerkaserne hinter dem heutigen Finanzamt wird ein Geschichts- und Lernort entstehen. Dies ist Teil der Kooperationsvereinbarung, die Nachbarschaftsinitiativen, stadtpolitische Initiativen und gewärtige Gewerbenutzer*innen des Geländes mit den kommunalen Akteur*innen ausgehandelt haben. Der Geschichts- und Lernort wird Teil einer vielfältigen kulturellen und sozialen Infrastruktur werden, die auf dem Areal entsteht – eingebettet in viel Wohn- und Gewerberaum. Er ist damit ein integraler Bestandteil des Modellprojekts Rathausblock.

Seine konkrete räumliche Verortung auf dem Gelände und damit auch seine Größe ist derzeit noch nicht final geklärt, aber es gibt ermutigende Zeichen: Der im städtebaulichen Werkstattverfahren ausgewählte Entwurf platziert ihn in einem historischen Gebäude in der Mitte des Geländes, in Nachbarschaft mit dem sogenannten Kiezraum. Der Grund für einen Geschichts- und Lernort gerade auf diesem Gelände besteht in einer besonderen Qualität des Dragonerareals. Denn einerseits ist dieses Areal durch seine Gestalt und die dort noch sinnlich erlebbare bauliche Überformungsgeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte geeignet, auf vielfältige Weise Kreuzberger Stadt- und Militärgeschichte zu vermitteln. Andererseits ist das Gelände aber auch ein authentischer Ort der Auseinandersetzung mit deutscher Gewaltgeschichte, deren Vorbedingungen und deren Rechtfertigung. Und nicht zuletzt steht das Areal mit zwei Revolutionen in direkter Verbindung: mit der von 1848 und der von 1918/19 – und damit mit dem Streben nach Freiheit, Frieden und Demokratie – auch nach direkter- und Rätedemokratie, Sozialisierung, u.v.a.m.

Mehr als eine Kaserne

Konkret: bevor das Gelände im Jahr 1855 Militärstandort wurde (eigentlich war der Kasernenbau schon für 1848 geplant, doch da kam die erste Revolution dazwischen), war es der Upstall der Tempelhofer Bauern – eine gemeinschaftlich genutzte Weide, die Allmende. Nach Ende der militärischen Nutzung 1919/20 für kurze Zeit Standort des Fahrzeugparks der Interalliierten Kontrollkommission der Siegermächte des ersten Weltkrieges, wurde es später, von 1921 bis zur Insolvenz im Jahr 2010, an die Translag Großgaragen GmbH verpachtet. Diese baute das Gelände zum Gewerbehof um und vermarktete es als Lager- und Produktionsstandort für kleinere und mittlere Betriebe. 1923 zog das Finanzamt in das ehemalige Mannschaftsgebäude (Offiziere hatten stets in den umliegenden Straßen gewohnt, in normalen Wohnungen). In den späten 30ern wurde das Areal Ort der NS-Zwangsarbeit, wie viele andere Orte auch. Seit den 1920er Jahren hat sich ein Gewerbemix erhalten, bei dem das KFZ-Gewerbe hervorsticht.

Revolution und Gegenrevolution

Was das Areal aber in einem sehr speziellen Sinn besonders macht, ist der Tabubruch, der sich am Ende der Novemberrevolution am 11. Januar 1919 dort ereignete: die Dragonerkaserne wurde Schauplatz der ersten politischen Morde durch gegenrevolutionäre Reichswehr-Einheiten, die später in ein Freikorps umgewandelt wurden. Diese Ereignisse bildeten den Auftakt vielfältiger politischer Gewalt am Übergang zur Weimarer Republik: allein im März 1919 gab es nach einem Generalstreik laut offiziellen Angaben mindestens 1.200 Tote in Friedrichshain und Lichtenberg durch den Einsatz von Kriegswaffen in Wohngebieten und die Durchführung von willkürlichen Erschießungen durch Regierungs- und Reichswehrtruppen. Das Dragonerareal in Berlin-Kreuzberg ist deshalb ein Ort, der eine hohe Bedeutung für den vielfach gebrochenen Entwicklungsweg einer demokratischen Republik in Deutschland hat. Er ist ein authentischer Ort für eine Aufarbeitung jener Prozesse, die politische Gewalt ermöglichten – Prozesse, die auch heute nicht überwunden sind: Schuld- und Rechtfertigungsnarrative, Täter-Opfer-Umkehr, Fake-News, Hetzpropaganda etc. Der Geschichtsort möchte zudem dazu beitragen, eine empfindliche Lücke in der deutschen Erinnerungslandschaft zu schließen, indem die oft vergessene, verdrängte oder abgewertete Revolution in Deutschland 1918/1919 multiperspektivisch und in Bezug auf konkrete Biografien bearbeitet wird.

Das Projekt

Mit dem Geschichts- und Lernort Dragonerareal soll daher ein Ort entstehen, an dem mehrere Ebenen zusammenführt werden. Er soll Ausstellungs-, Erinnerungs-, Veranstaltungs- und Werkstatt-Ort sein. Geschichte soll im Bezug zum Hier und Heute vermittelt werden, mit Schwerpunkt bei der politischen Bildungsarbeit für junge Menschen. In der Gestaltung und Umsetzung sollen vielfältige Formate genutzt und miteinander verbunden werden, u.a. Demokratie-Labore, Kunst- und Theaterprojekte, Geländeerforschungen, Lesungen, Veranstaltungen, Ausstellungen. Bauliche Geschichte und Ereignisgeschichte finden beide ihren Platz und treten an vielen Stellen miteinander in Beziehung. Kooperation mit anderen Geschichtsinitiativen, Geschichtsorten und Museen wird gesucht. Opfer- und Täter-Biographien werden erforscht, Themen und Formate werden verknüpft, sind gemeinsam mehr als die Summe der einzelnen Teile und erzeugen eine große Strahlkraft in die Nachbarschaft sowie die gesamte Stadtgesellschaft hinein. Die Initiator*innen des Geschichtsorts kommen aus den Initiativen „Nachbarschaftsinitiative Dragopolis“, „Initiative Geschichtsort Januaraufstand“ und „Initiative Upstall Kreuzberg“. (Links: www.dragopolis.de und www.rathausblock.org, Mail: dragopolis@gmx.de ) Zur Zeit arbeiten sie daran, Kooperationen mit anderen Geschichtsorten und Praktiker*innen der politischen Jugendarbeit und Trägerkonzepte zu entwickeln (der „Upstadt e.V“ ist in Gründung). Aber es gilt auch, erste kleine Projektgelder zu beantragen und damit möglichst noch in diesem Jahr eine Interims-Ausstellung an einem provisorischen Ort auf dem Gelände zu gestalten. Noch ist vieles in Bewegung und offen …

Die Aktiven im Upstadt e.V für den Stachel 04/2020