Wasser ist Leben und wird doch zur Ware

Durch das virtuelle Wasser verbrauchen wir mehr als wir ahnen. Der blaue Planet wird zur Wüste.

Unsere Erde besteht zu zwei Drittel aus Wasser, das lernte ich in der Grundschule. Im Kopf behielt ich diesen Satz, las in Büchern Geschichten über unendliche Ozeane und wunderte mich immer wieder, warum um mich herum doch kaum sauberes Wasser zu finden war. Warum täglich um sauberes Wasser gekämpft werden muss und Babys aufgrund verschmutzten Wassers starben und sterben. Die Erde wird aufgrund ihrer großen mit Wasser bedeckten Flächen als „der blaue Planet“ bezeichnet. Das Foto der Erde aus dem Weltall ist ein guter Beweis dafür. Allerdings: 97,5 % der weltweiten Wasservorkommen sind salzhaltig und ohne energieintensive Aufbereitung ungenießbar. Nicht nur die Erde sondern auch der menschliche Körper besteht zu über 70 % aus Wasser. Mangel an Wasser führt bei Menschen und vielen anderen Lebewesen zu gravierenden gesundheitlichen Problemen bis hin zum Tod. Wasser ist Leben!

H2O ist eine einfache Formel. Jedoch haben 1,3 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberen Trinkwasser. Für über 3 Milliarden Menschen ist es ein täglicher Überlebenskampf, an sauberes Trinkwasser zu gelangen. Jedes Jahr sterben 3-4 Millionen Menschen, vor allem Kinder, an Krankheiten, deren Grund verschmutztes Wasser war. Aktuell herrscht bereits in mehr als 80 Ländern Wasserknappheit. Diese lebenswichtige Ressource wird zunehmend Mangelware, was weltweit zu Konflikten führt. Dabei spielen neben dem Klimawandel auch die rasante Zunahme der Weltbevölkerung, die fortschreitende Industrialisierung, intensive Landwirtschaft mit zunehmender künstlicher Bewässerung, Tierhaltung sowie Massentourismus eine wesentliche Rolle.

Mangelware wird Handelsware

Seit dem Weltwassergipfel im Jahr 2000 in Den Haag ist Wasser eine Handelsware. Unter den weltweit meist gehandelten Produkten besitzt das Trinkwasser einen oberen Platz. Vom “Öl des 21. Jahrhunderts” oder dem „blauen Gold“ sprechen deshalb manche Experten. Der Markt mit dem “Bedürfnis” nach der neuen „Ware“ Wasser hat sich zum Milliarden-Geschäft entwickelt. Das jährliche Marktvolumen wird auf ca. 470 Milliarden US-Dollar geschätzt. Nestle, Coca Cola und Pepsi sind Marktführer beim Trinkwasserhandel und kaufen weltweit Quellen auf. Und auch deutsche Multis, wie etwa der Energieversorger RWE, sind beim weltweiten Wassergeschäft dabei.

Die Privatisierung des Wassers verursacht in der so genannten „Dritten Welt“ immenses Konfliktpotential. Bei den Demonstrationen gegen die Privatisierung des Wassers starben Ende der 90er in Bolivien mehrere Menschen. In den Industrieländern sind die Folgen dieser Politik bereits zu spüren: die Gebühren steigen, die Qualität des Wassers sinkt, Reinheitskontrollen entfallen. Und diejenigen, die nicht zahlen können, haben keinen Zugang zum Wasser.

Die Weltbevölkerung wächst rasant und Wasserressourcen werden immer knapper. Die UNESCO warnt, dass bis 2050 bis zu 7 Milliarden Menschen von Wasserknappheit oder -mangel betroffen sein könnten. Wie wichtig die Wasserversorgung in der Zukunft ist, zeigen die Investitionen in diesem Bereich: China gibt hierfür ein Fünftel ihres 460 Milliarden Euro schweren Konjunkturprogramms aus. Die USA wiederum 20 Milliarden US-Dollar in diesem Sektor.

Der Vizechef von der Weltbank bekannte, dass die Kriege dieses Jahrhunderts Kriege um Wasser sein werden. Doch es gibt Widerstand gegen die Wasserprivatisierung in den betroffenen Gebieten. In Bolivien und in Berlin protestieren engagierte Bürger gleichermaßen. Die Botschaft der weltweiten Protestbewegung ist: Wasser ist keine Ware, sondern Menschenrecht!

Virtuelles Wasser – unser wirklicher Verbrauch

Die Deutschen sind Weltmeister im Wassersparen. Der tägliche Haushaltswasserbedarf liegt unter 130 Liter pro Person. Doch ist dies nur ein sehr geringer Teil unseres tatsächlichen Wasserverbrauchs. Der liegt um ein fast 40-faches höher – nämlich bei ca. 4.000 Liter pro Person/Tag. Schwer anzunehmen, aber unser wirklicher Verbrauch bemisst sich eben nicht hauptsächlich daran, wie viel wir aus dem Wasserhahn abzapfen, sondern wird wesentlich von unseren Konsumgewohnheiten bestimmt. So das Konzept des Virtuellen Wassers, das der Wissenschaftler John Athony Allen entwickelte: Virtuelles Wasser bezeichnet dabei die Menge an sauberem Frischwasser, das zur Herstellung eines bestimmten Produktes verbraucht oder verschmutzt wird. Also, wer mit den Bürokollegen mal ein Kilo Kaffee braucht, um munter zu werden, hat schon mal 10.000 (!) Liter durch den Hahn laufen lassen. Und dazu noch ein Kilo Rindfleisch auf der abendlichen Grillparty: 32.100 Liter Wasser. Ein Trost bleibt: Nicht nur die Wissenschaft auch Handel und Politik anerkennen inzwischen teilweise die Berechnungsmethode. Der renommierte Stockholmer Wasserpreis, der Allen 2008 für sein Konzept verliehen wurde, lässt zumindest auf ein breites Umdenken hoffen. Es bleibt nicht viel Zeit alltagstaugliche Rezepte für den sorgsamen Umgang mit Wasser jenseits der Sparspültaste zu entwickeln.

Dr. Turgut Altug, Leiter des Türkisch-Deutschen Umweltzentrums