Schule: Vom Lernort zum Lebensort

Bildung ist ein Menschenrecht. Der gleichberechtigte Zugang zu guter Bildung,
die Förderung aller Kinder und Jugendlichen − unabhängig von ihrer
Herkunft, Fluchterfahrung, ihrer physischen und psychischen Verfasstheit,
ihrer sexuellen Identität und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern −
ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit und hat für uns oberste Priorität.
Unsere Bildungspolitik folgt dem Leitbild: Jedes Kind ist einzigartig! Gute
Bildung steht im Zusammenhang mit politischer und kultureller Teilhabe,
Selbstbestimmung, Freiheit und Gesundheit. Deswegen setzen wir uns
für eine vorurteilsbewusste Erziehung und Bildung an allen Schulen ein.
Schulen sollen zu einem fröhlichen, inklusiven Lern- und Lebensort für alle
Kinder und Jugendliche werden.
Das haben wir erreicht:
• Nach jahrelangem intensiven Bemühen bekommt Kreuzberg SO 36 endlich
eine gymnasiale Oberstufe. Ab dem Schuljahr 2017/18 wird sie in der
Refik-Veseli-Schule angeboten.
• Wir haben uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass in der Hunsrück-Grundschule
weiterhin ausreichend Unterrichts- und Freizeiträume zur Verfügung
stehen. Sie werden benötigt, damit die Schule ihr beliebtes Konzept
mit fließenden Übergängen zwischen Unterricht und Freizeitangebot fortsetzen
kann.
• Wir haben die Schulentwicklungsplanung an die Realität angepasst.
Bisher
wurde davon ausgegangen, dass viele Familien mit schulpflichtigen
Kindern den Bezirk verlassen werden und daher keinen Schulplatz
brauchen. Neuere Entwicklungen bringen jedoch einen höheren Bedarf
an Schulplätzen mit sich.
• Durch unseren Einsatz erhält nicht mehr zwingend die günstigste
Anbieter*in den Zuschlag beim Schulessen und bei der Schulreinigung,
sondern die Qualität zählt.
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Abitur an jeder Oberschule im Bezirk
Wir möchten Bildungswege von der ersten Klasse bis zum Abitur. Damit
diese Chance nicht bereits durch die Schulwahl in der 7. Klasse eingeschränkt
wird, setzen wir uns für verlässliche Kooperationen zwischen
Sekundarschulen mit einer gemeinsamen Oberstufe ein. Lehrpläne sollen
abgestimmt und gemeinsame Kurse angeboten werden, damit der Weg
zum Abitur an jeder Schule möglich ist. Die Kooperationen wollen wir
über den Bezirk verteilt aufbauen, damit die Schulwege nicht zu lang
werden.
An den gemeinsamen Standorten von Grundschulen, Gymnasien
und Sekundarschulen wollen wir anregen, Gemeinschaftsschulen aufzubauen.
Öffnung der Schulen zum Kiez
Wir wollen die Schulen in die Kieze hinein öffnen. Sie sollen zu Zentren und
Anziehungspunkten im Kiez werden. Teilweise gelingt dies schon über die Bildungsnetzwerke,
die das Jugendamt Friedrichshain-Kreuzberg etabliert und
gefördert hat. Wir wollen, dass Projekte, Vereine und Einrichtungen rund um
Kunst und Kultur, Gesundheit, (Aus-)Bildungs- und Berufsberatung, Empowerment,
Politik und Sport − noch stärker als bisher Bestandteil des Lehrplans
werden. Die Einbeziehung von Expert*innen und Praktiker*innen aus verschiedenen
Lebensbereichen soll die Lehrkräfte entlasten und den Horizont
der Schüler*innen erweitern. Das bezirkliche Schulamt kann hier eine impulsgebende
und fördernde Rolle einnehmen, auch wenn die Gestaltung der Lehrpläne
Landesaufgabe ist. Für diese Aktivitäten sollten Senat und Schulamt eigene
finanzielle Mittel zur Verfügung stellen.
Bildungspartnerschaften von Schule und Familie
Partnerschaften von Eltern und Pflegeeltern mit der Schule sind ein wichtiger
Bestandteil des Schullebens. Durch ihre aktive Mitarbeit bereichern sie vielerorts
die Schulkultur. Wir würdigen ihr Engagement und erkennen sie als Bildungspartner*
innen der Schule an! Transparente Information und die Einbeziehung
in die Entscheidungsfindung müssen selbstverständlich sein. Um
alle Eltern zu erreichen und für eine Beteiligung zu gewinnen, sollen niedrigschwellige
und kultursensible Angebote aus der Schule heraus entwickelt
werden. Das bedeutet etwa mehrsprachige Ansprache, Sprachmittlung bei
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Elternabenden
sowie Elterncafés, die − vom Bezirksamt unterstützt − bereits
jetzt an vielen Schulen bestehen.
Mehr Raum für unsere Schüler*innen und Lehrer*innen
Vor allem in Friedrichshain steigen die Schüler*innenzahlen in den letzten
Jahren enorm. Leider hat die Schulplanung diese Entwicklung bisher nicht
ausreichend berücksichtigt, sodass nun schnelle Lösungen benötigt werden.
Daher werden an vielen Orten sogenannte »Module Ergänzungsbauten« errichtet.
Diese Bauten dürfen aber nicht zur Dauerlösung werden. Wir fordern
die umfassende Prüfung von Schulneubauten und Erweiterungen bestehender
Schulen. Wir setzen uns für kreative Lösungen ein, wie etwa die Umnutzung
anderer Gebäude, die Anmietung bzw. den Ankauf privater Gebäude
sowie
die Aufstockung bestehender Schulen. Bei allen Planungen muss berücksichtigt
werden, dass die Schulen auch Platz für Schulhöfe, den Schulsport,
für Horte und Mensen brauchen. Insgesamt brauchen wir eine langfristige
Schulentwicklungsplanung, die berücksichtigt, dass Eltern mit ihren
Kindern den Bezirk nicht mehr verlassen, wenn sie das schulpflichtige Alter
erreichen.
In Kreuzberg besteht derzeit noch kein solcher Schulplatzmangel wie in
Friedrichshain. Aber auch hier besteht die Gefahr, dass Schulen ihre individuellen
Konzepte nicht mehr umsetzen können, weil ihnen z. B. die Räume
für die Freizeitgestaltung fehlen. Wir möchten, dass es im Land Berlin zu
einem
Umdenken kommt: Schulen brauchen Platz. Dieser Platz muss nach
dem Bedarf und Konzept einer Schule und nicht nach abstrakten Musterplänen
berechnet werden.
Bessere Schulreinigung
In den letzten Jahren gab es immer wieder lautstarke Proteste von Schulen
und Eltern über die mangelnde Schulreinigung. Die unhaltbaren hygienischen
Verhältnisse bei Toiletten, Fluren und Klassenzimmern sind ein Gesundheitsrisiko
für die Schüler*innen und das Schulpersonal. Wir fordern seit langem,
dass sich die Schulreinigung am Gesundheitsschutz der Schüler*innen und
Lehrkräfte orientieren muss und nicht an den finanziellen Interessen von Privatunternehmen.
Wir werden daher prüfen, wie die Schulreinigung wieder zu
einer öffentlichen Aufgabe gemacht werden kann. Schulreinigung kann qualitativ
besser und wirtschaftlicher sein, wenn das Reinigungspersonal beim
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Bezirk angesiedelt ist. Wir wollen außerdem erreichen, dass jede Schule wieder
eine Hausmeister*in bekommt. Denn damit eine Schule gut funktioniert,
benötigt sie auch Personal, das sich verlässlich um die Betreuung der Anlage
kümmert.
Besseres Schulessen
Bei der Umsetzung des Konzepts für ein besseres Schulessens war Friedrichshain-
Kreuzberg Vorreiter*in. Viele Strukturen konnten verbessert werden.
Dennoch bleiben immer noch Probleme bestehen, die wir in den nächsten
Jahren angehen möchten. Dazu zählen die Ausstattung der Mensen, unzureichender
Schallschutz und die Gewährleistung der Hygiene- und Qualitätskontrollen.
Wir fordern eine ausreichende finanzielle Ausstattung durch den
Landeshaushalt, um die Situation zu verbessern. Zusätzlich setzen wir uns
dafür
ein, dass dem Bezirk ausreichendes Personal für die Hygiene- und
Qualitätskontrollen
zur Verfügung steht. Die Schulen können auch Teil des
»Essbaren
Bezirks« sein. In Schulgärten können die Schüler*innen selbst Obst
und Gemüse anpflanzen.
Integration der Willkommensklassen
Die Situation der Flüchtlingskinder in den Willkommensklassen muss berlinweit,
auch in unserem Bezirk, verbessert werden. Dazu gehören die Entwicklung
eines einheitlichen Lehrplans und eines gemeinsamen Konzeptes. Das
Ziel ist die Integration der Flüchtlingskinder.
Eine zentrale Forderung ist die unbefristete Einstellung gut ausgebildeter
Lehrkräfte sowie Sozialpädagogen*innen, Schulhelfer*innen und Schulpsycholog*
innen, die diversitysensibel sind und interkulturelles Wissen mitbringen.
Es braucht Fortbildungen für Lehrkräfte, die in den Willkommensklassen arbeiten,
und ihnen muss geeignetes Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt
werden. Die Lehrer*innen von heute und morgen sollten sich mit rechtlichen
Grundfragen (Asylverfahrensgesetz, Aufenthaltsgesetz etc.), mit Fluchtursachen
und mit den Lebensrealitäten von Geflüchteten in Deutschland auskennen.
Die Kooperation und die Verständigung mit den Eltern gelingen wesentlich
besser, wenn Lehrkräften Sprachmittler*innen zu Seite gestellt werden. Das
wird sich auch positiv auf die aktive Teilnahme dieser Eltern am Schulleben
auswirken.
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Auf dem Weg zur inklusiven Schule
Ein besonderes Anliegen ist uns die Inklusion von Schüler*innen mit Behinderung
und damit die Umsetzung der UN-Menschenrechtskonvention. In den
letzten Jahren haben sich im Bezirk inklusive Schulen gegründet. Wir werden
diese Entwicklung weiter unterstützen. Wir wollen, dass die Schulen im
Bezirk zu einem gemeinsamen Lebensort für Schüler*innen mit und ohne Behinderung
werden. Dafür müssen die notwendigen finanziellen, inhaltlichen,
baulichen und personellen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Zu einer
inklusiven Schule gehören auch barrierefreie Lehr- und Lernmittel.
Wir fordern, dass im Bezirk weitere Betreuungs- bzw. Beratungszentren
eingerichtet werden, die den Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen in allen
Fragen zur inklusiven Schule zur Verfügung stehen. Außerdem wollen wir,
dass allen Schüler*innen ausreichende Förderstunden zur Verfügung stehen
und entsprechendes pädagogisches Personal eingestellt wird. Wir setzen uns
dafür ein, dass jede Schule eine inklusive Schule wird, damit spezielle Förderzentren
für Kinder mit besonderem Förderungsbedarf langfristig – auch im
Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention – unnötig werden.
Segregation und Diskriminierung abbauen
Die Segregation, das heißt die Trennung anhand von sozialen, kulturellen oder
ethnischen Unterschieden, nimmt an unseren Schulen zu. Die Gründe hierfür
sind vielfältig: wohnräumliche Trennung, elterliche Schulwahl und Chancenungleichheit
beim Übergang in die Oberschule, zum Abitur, zur Ausbildung
und zum Studium. Auch Eltern können der Segregation entgegenwirken, wenn
sie ihre Kinder in Schulen mit hohem Zuwanderungsanteil schicken. Um der
Segregation entgegenzuwirken, braucht es zudem die interkulturelle Öffnung
der Schulen, sowie einen diversitäts- und vorurteilsbewussten Umgang aller
Bildungsbeteiligten.
Gleichzeitig müssen diejenigen geschützt werden, die jetzt von Rassismus
und Diskriminierung an Schulen betroffen sind. Dazu können Workshops mit
Schüler*innen ebenso beitragen wie bauliche Maßnahmen, etwa die Schaffung
von zusätzlichen genderneutralen Toiletten und Umkleideräumen. Wir
unterstützen daher den Aktionsplan gegen Homophobie. Zudem setzen wir
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uns für eine unabhängige Beschwerdestelle für Betroffene von Diskriminierung
aufgrund von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, religiösem
oder nationalistischem Fanatismus, Homo-und Transphobie, gruppenbezogener
Menschenfeindlichkeit u. a. ein.