Die Kreativen sind schon da und nicht nur am Spreeufer

Drei Beispiele für Kreativwirtschaft in Kreuzberg

Überall liegen die Geldscheine auf dem Boden. “Es regnete schon seit fast einer Woche Scheine und Münzen. Alle Stadtbewohner waren überglücklich, dass sie das ganze Geld bekamen …”, so beginnt die Geschichte der 12 jährigen Jasmina aus dem Wedding auf einer Bühne in Lichtenberg. Doch wer hat‘s erfunden? Die Kreuzberger Agentur 123 Comics. Im Rahmen eines Kunstprojektes erarbeiteten die 4 Hildesheimer Kulturwissenschaftler mit einer Weddinger Schulklasse das Stück “Alles über Geld in 45 Minuten” für das Theater An der Parkaue in Lichtenberg.

Kreativität mit einer guten Portion Business Seit 2006 streben Imke Schmidt und ihre Kollegen nach der Syntheseotionen für Grafik, Theater und Comic in ihrer kooperativen Arbeit als 123Comic.net. Die Nachfrage für ihr spezielles Angebot wächst. Neben den Kulturprojekten, akquirieren sie Aufträge von Kunden, die ihr Anliegen in leicht verständlichen Comics kommunizieren wollen. Gern aus dem Umwelt-, soziokulturellem und Eine Welt Bereich.

Sie haben sich von Hildesheim nach Berlin auf den Weg gemacht, weil Berlin einerseits mehr Nischenökonomie bietet und andererseits hier in Kreuzberg sich bisher eher Ateliergemeinschaften begründen lassen als anderswo. Sie kamen unabhängig von Subventionen, und bilden doch den kreativen flow, auf den Mediaspree so abzielt.

Kreativ in der Sache

Infotext, eine Neugründung aus dem letzten Herbst, sind engagierte Kreative, die sich bewusst in Kreuzberg, wenn auch fernab der Spreeufer niedergelassen haben. “Dort sind die Mieten einfach nicht bezahlbar!”, stellt einer der 4 Gesellschafter, Andreas Kaizik, im Gespräch lakonisch fest. Hier sähe es zwar aus wie eine Zahnarztpraxis, aber die Urbanstrasse ist hofseitig ruhig und grün, zum Hermannplatz könnte man einen Stein werfen und die Admiralbrücke ist gleich um die Ecke. Zwei Texter, ein Infografiker und eine Layouterin teilen sich die Miete und die Aufträge. Die meisten Kunden kommen aus der Umweltbranche. Mit den Jahren haben sich die Gesellschafter einen Kundenkreis aufgebaut, den sie nun gemeinsam hoch über den Dächern Kreuzbergs bearbeiten. Solide Arbeit, an Stelle von Dolce Gabbana, kreative anschauliche Umsetzung komplizierter Sachverhalte aus der Solarthermie und Photovoltaik, auf die auch gern die TAZ zugreift, ohne Latte und SchiSchi. Infotext erwartet von der Stadt oder dem Bezirk keine Geschenke, dennoch war für alle die Entscheidung in Kreuzberg zu gründen ganz klar. Kreuzberg sei erwachsener als Friedrichshain, meint Kaizik dazu.

Business mit einer Prise Kreativität

Liegt es an der relativen Nähe zur Spree, dass IMA Design Village, cooler, trendiger und mehr “mediaspree” wirkt? Gefühlt schon am äußersten Rand von Kreuzberg, gleich neben Robben und Wientjes, steht eine Yves Klein blaue Wand. Eine vielleicht vergessene Kunstinstallation. Doch das Blau korrespondiert mit dem Corporate Design von IMA. Riesige orangefarbene Letter illuminieren warm die dunklen Backsteinfassaden des Kreuzberger Hinterhofes. Im Café wartet Eyal mit Labtop und führt mich hinüber in das wie ein Designer Atelier eingerichtete Kundenbüro. Eyal und seine Geschäftspartnerin, Marina, sind zwei junge coole Immobilienentwickler aus London. Im Januar haben diese beiden modernen Businessnomaden ihre Zelte in Berlin aufgeschlagen. Ihr Konzept könnte man “old fashioned” bezeichnen, lächelt Eyal schmallippig, tatsächlich sei es ganz brandaktuelles “Word of mouth”-Marketing – neudeutsch für Empfehlung. Noch nutzen wenige Mieter den modernen Dorfcharakter des IMA Design Village: Hotelzimmer für Unternehmensbesucher, Eventlocations für Produktpräsentationen mit angeschlossenem Catering. Beta Tank, Eyals Agentur für kreative Sparringleistungen, rundet das Angebot ab. “Ein Forum für Synergien, das allen Mietern zu Gute kommt”, schwärmt Marina ohne eine Braue zu heben. “Die neuen Mieter werden kommen. Künstler, Designer und andere Kreative, die das Ambiente und unseren Mix schätzen.” Marina und Eyal sind optimistisch. Möglicherweise kann man es auch gelassen angehen, wenn der Besitzer des Gewerbehofes aus der engsten Familie kommt. An die Stadtpolitik stellen die beiden keine Ansprüche, im Gegenteil. Und was sei schon schlecht an Gentrification?

Barbara Fischer