Am 27. Februar 2026 hat sich nach über drei Jahren Vorlauf nun endlich das Jugend- und Kinder-Gremium Friedrichshain-Kreuzberg gegründet! Fast 100 Kinder und Jugendliche haben fünf Arbeitsgruppen gegründet, eine Koordinationsgruppe gewählt und sind hoch motiviert. Doch bis es so weit kommen konnte, musste einiges geschehen.

Schon seit 2007 arbeitet unser Friedrichshain-Kreuzberger Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro mit engagierten Kindern und Jugendlichen zusammen und unterstützt sie dabei, ihre Rechte wahrzunehmen. Ich selbst hatte in meiner Zeit als Sprecher des Landesschüler*innenausschuss die Freude, mit den engagierten Kolleginnen zusammenzuarbeiten.

Es war damals eine bewusste Entscheidung des Bezirksamts kein Kinder- und Jugendparlament, sondern ein Beteiligungsbüro zu schaffen. Ziel war, allen Kindern eine Möglichkeit zu geben, sich einzubringen, in Form von Projekten, aber auch durch die Unterstützung des Bezirksschüler*innenausschusses. Mit dem Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro gab es aber immer eine Anwältin von Kindern und Jugendlichen in unserem Bezirk. Der Jugendengagementpreis, die Jugendjury, die Kinderspielplatz-Beteiligung und viele andere Projekte haben in der Folge vielen Kindern und Jugendlichen ermöglicht, sich für ihre Belange einzusetzen.

Auch für mich war die Sorge, dass ein Kinder- und Jugendparlament eher bereits privilegierte Klientel anzieht und so zu einem wenig inklusiven Gremium wird, immer präsent. Deshalb war ich mir selbst unsicher, ob so ein Gremium eine gute Idee ist.

Da ich aber herausfinden wollte, was die Fachwelt sagt, habe ich für meine Fraktion im November 2022 Dominik Bär in den Jugendhilfeausschuss eingeladen. Er leitet das Netzwerk der Kinderfreundlichen Kommunen und kennt sich bestens mit Kinder- und Jugendbeteiligung aus.

Sein Vortrag war sehr erhellend. Nicht nur hat er darauf hingewiesen, dass es tatsächlich Kinder- und Jugendparlamente waren, die als einzige auch nach der Pandemie noch standen. Auch wurde deutlich: Wenn Kinder und Jugendliche Verantwortung bekommen, dann ist das eine ganz andere Art von Empowerment als wenn sie einfach beteiligt werden. Sie bilden sich weiter, werden selbst aktiv und übernehmen Verantwortung.

Empowerment bringt Kinder und Jugendliche in die Position, ihre Interessen auch mit Nachdruck zu vertreten. Das kann auch ungemütlich werden, aber es ist nun einmal ihr Recht. Das gefällt nicht allen. Eindrücklich das Zitat des Jugendamts: „Die Vertretung der Kinder und Jugendlichen, das sind wir.“ Für uns war klar: Das reicht nicht!

Klar war aber auch: Geld gab es keins. Was tut man in einem solchen Fall? Man gründet einen Arbeitskreis.

So haben wir die Arbeitsgruppe Beteiligung von Kindern und Jugendlichen gegründet mit allen Parteien, aber eben auch mit Kindern und Jugendlichen und Fachkräften. Als ersten Schritt haben wir die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen, die nichts kosten ausgebaut: Dank unserer Arbeitsgruppe haben Kinder und Jugendliche nun Rederecht in Ausschüssen und Fragerecht im Bezirksparlament.

Der große Wurf kam jedoch, als die Landesebene uns 120.000 € jährlich für eine Stärkung der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung gestellt hat. Das Jugendamt wollte diese Mittel in Projektarbeit stecken, keine Struktur aufbauen.

Im Jugendhilfeausschuss haben wir uns nach langen Diskussionen jedoch gegen den Willen des Jugendamts dafür ausgesprochen, partizipativ eine Interessensvertretung von Kindern und Jugendlichen aufzubauen. Da es für ein Kinder- und Jugendparlament keine Mehrheit gab, haben wir uns für die offene Formulierung einer „direkten Interessensvertretung von Kindern und Jugendlichen“ entschieden. Die konkrete Form von Interessensvertretung (z.B. Forum, Beirat oder Parlament) haben wir bewusst offen gelassen und eine Steuerungsgruppe gegründet.

Damit konnte Mitte 2024 das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro eine Stelle besetzen, um die Gründung voran zu bringen. Damit hat das Beteiligungsbüro dann gemeinsam mit einer Initiativgruppe von engagierten Jugendlichen angefangen, an einem Konzept zu arbeiten, sich mit dem Neuköllner Kinder- und Jugendparlament getroffen und landesweit vernetzt.

Apropos landesweite Vernetzung: Eine super Unterstützung war immer die Servicestelle Jugendbeteiligung. In einem Workshop haben sie uns Politiker_innen und Fachkräften die neuesten Erkenntnisse und Gelingensbedingungen für gute Interessensvertretungen vorgestellt, sodass wir dann Ende 2024 in der Steuerungsgruppe endlich starten konnten.

In der Steuerungsgruppe holten wir uns Input aus dem sehr erfolgreichen Kinder- und Jugendparlament aus Neukölln und waren fraktionsübergreifend sehr beeindruckt von ihrer Arbeit. Deutlich wurde, dass uns besonders wichtig war, dass unsere Interessensvertretung divers ist und alle Kinder und Jugendlichen egal welcher Herkunft dabei sind.

Die Initiativgruppe von Kindern und Jugendlichen hatte sich derweil auch getroffen und berichtete uns als Teil der Steuerungsgruppe von ihrer Entscheidung: Sie wollen ein Jugend- und Kinder-Gremium gründen. Ein Gremium, das sowohl offen für alle ist, aber doch eine Verbindlichkeit hat, sehr ähnlich zum Neuköllner Modell.

Das Beteiligungsbüro hatte diese Idee gemeinsam mit der Initiativgruppe erarbeitet und dann noch einmal auf einem großen Beteiligungstag mit 80 Kindern und Jugendlichen diskutiert. Außerdem lieferte eine Online-Umfrage noch mehr Input von Kindern und Jugendlichen.

Obwohl es Vorbehalte bei den anderen Fraktionen gab, schafften wir es, in der Steuerungsgruppe konstruktiv und mit fachlicher und rechtlicher Expertise darüber zu sprechen, wie wir auch in Friedrichshain-Kreuzberg die Qualitätskriterien von starken Kinder- und Jugendparlamenten (die das DKHW veröffentlicht hat) erfüllen können: Politischer Wille, eine kooperative Haltung von Politik und Verwaltung, strukturelle Verankerung, hauptamtliche Begleitung, ein Budget, Repräsentativität und echter politischer Einfluss.

Aus dem Input habe ich mit der Hilfe des Beteiligungsbüros für unsere letzte Steuerungssitzung Mitte 2025 dann zwei Anträge erstellt: 1) Die Gründung des Jugend- und Kinder-Gremiums und 2) seine Rechte. Die finalen Anträge wurden anschließend von der Steuerungsgruppe in den Jugendhilfeausschuss eingebracht, wo sie leicht verändert, aber einstimmig ans Bezirksparlament weitergeleitet wurden.

Leider holperte es hier dann etwas und nur der Antrag auf Gründung des Jugend- und Kinder-Gremiums schaffte es direkt ins Plenum. Dort wurde aber die Gründung des Gremiums zumindest mit großer Mehrheit beschlossen und es konnte weiter gehen!

Der Plan war nun: Ab Januar sollte das Jugend- und Kinder-Gremium starten. Delegierte kommen von Orten, an denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten (Schulen, Sportplätze, Jugendclubs), wir losen zufällig 150 Kinder und Jugendliche aus und alle, die wollen, können mitmachen. Und wir Bezirksverordneten verpflichten uns, die Anliegen wohlwollend zu beraten und unsere Perspektiven besonders gut zu erklären.

Die Rechte des neuen JuKGs blieben jedoch zwischen den Fraktionen umstritten. Strittig war letztlich vor allem die Frage, wie unsere neue Interessensvertretung Anträge einbringen darf. Wir bevorzugten den einfachsten Weg: Die Anträge werden von der Vorsteherin eingebracht und dann in alle relevanten Ausschüsse überwiesen. Außerdem wollten wir den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, zu allen Anträgen im Plenum sprechen zu können. Besonders Linke und CDU, aber auch Teile der SPD waren bei beiden Punkten skeptisch.

Nachdem der Antrag mehrmals im Ausschuss für Geschäftsordnung vertagt wurde, einigten wir uns dann in einem Treffen aller Fraktionen auf einen Kompromiss: Die Kinder und Jugendlichen bekommen ein Antragsrecht. Sie müssen ihre Anträge jedoch im Jugendhilfeausschuss vorstellen und sie werden dann als Beschluss des Jugendhilfeausschuss ans Bezirksparlament weitergeleitet. Im Plenum können sie nur zu ihren eigenen Anträgen reden.

Trotz Versuche, in letzter Sekunde doch noch den gewählten Kompromiss neu zu diskutieren, haben wir es im Ausschuss für Geschäftsordnung geschafft: Mit den Stimmen von Grünen, SPD und Linken, bei Enthaltung der CDU hat das Jugend- und Kinder-Gremium nun auch endlich das Antrags- und Rederecht im Bezirksparlament! Ziemlich genau drei Jahre nach dem Input von den Kinderfreundlichen Kommunen, der meine Haltung änderte, war das Jugend- und Kinder-Gremium beschlossene Sache.

Im Dezember 2025 half uns die Servicestelle Jugendbeteiligung mal wieder inhaltlich weiter. Mit einem Workshop für die Verwaltungsperspektive haben wir uns schon an die Umsetzung herangewagt. Denn wie geht Verwaltung gut damit um, wenn Kinder und Jugendliche Fragen und Anliegen haben? Ein erster Impuls ist gesetzt.

All das wäre natürlich nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung der Servicestelle Jugendbeteiligung, das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro und vor allem die super engagierten Jugendlichen aus der Initiativgruppe. Für ihr Engagement haben zwei von ihnen sogar den bezirklichen Jugendengagementpreis gewonnen.

Aber der Kampf geht weiter. Erst in der letzten Sitzung des Jugendhilfeausschusses erfuhr ich: Der Stadtrat plante, die Mittel für das Jugend- und Kinder-Gremium schmerzhaft zu senken. Auf kritische Nachfrage sah er aber ein, dass die Mittel wie bisher weiterlaufen sollen. Ich hoffe, wir schaffen es in der nächsten Sitzung noch, ein Budget für das Jugend- und Kinder-Gremium rauszuholen. Das letzte Qualitätskriterium, das noch nicht erfüllt ist.

Die Mühlen mahlen langsam. Aber sie mahlen.

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Du bis jung und möchtest Bezirkspolitik mitbestimmen?

So geht’s (ab 0 Jahren):

1) Stell eine Anwohner*innenfrage an das Bezirksamt! Dazu kannst du drei bis fünf Fragen schriftlich einreichen.

2) Komm mitt deinem Anliegen in einen Ausschuss, wir starten immer mit „Fragen und Anliegen von Kindern und Jugendlichen“, einfach melden und reden!

3) Beteilige dich beim Jugend- und Kinder-Gremium, in einer Arbeitsgruppe oder auf einem großen Beteiligungstag!