Neue Wege braucht das Rad

Es tut sich was auf Berlins Straßen. Seit im Jahr 2018 das Mobilitätsgesetz verabschiedet wurde, sind zahlreiche Pläne umgesetzt worden, die dem Radverkehr mehr Raum geben und so das Radfahren sicherer machen.

Und seit Corona geht alles noch viel schneller. Der Shutdown hat den Autoverkehr in Berlin zeitweilig um bis zu 30 % reduziert, die Senatsverwaltung und die Bezirke haben auf die neuen Anforderungen zügig reagiert. Allein bei uns in Xhain sind schon im April und Mai über 11 km neuer Radwege, sogenannter Pop-up-bike-lanes, entstanden.

Los ging es auf der Gitschiner und der Petersburger Straße, dann kam der Kottbusser Damm hinzu. Seit Ende Mai gibt es auch in der Frankfurter Allee stadteinwärts auf Höhe des Samariterkiez’ einen neuen temporären Radstreifen. “Temporär meint aber nur, dass wir zunächst mit mobilen Absperrungen arbeiten. Das wird bleiben,” erklärte die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann damals beim Ortstermin. Und die Abstandsregeln hatten das gequetschte Nebeneinander auf den alten Schmalspurbahnen endgültig verboten, die “vor allem den Sinn hatten, den Autoverkehr nicht zu stören” (Monika Herrmann).

Friedrichshain-Kreuzberg hatte von Beginn an deutlich die Nase vorn, aber ganz Berlin ist mittlerweile dabei.  “Bis zum Ende der Legislatur 2021 wollen wir und die Bezirke etliche der provisorischen Pop-ups in dauerhafte, gute Radwege umgewandelt haben haben,” heißt es dazu aus der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Dabei gibt es viel Austausch mit Verbänden wie dem ADFC oder NGOs wie Changing Cities, die alle zugleich in dem neu gegründeten Beratungsgremium “FahrRat” vertreten sind.

Auch in anderen Städten in Deutschland wie Frankfurt oder München ist Bewegung in die Sache gekommen. Und weltweit sind es Bogotá in Kolumbien, Brüssel oder Mailand, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. In Paris hat Bürgermeisterin Anne Hidalgo sogar die “Vélorution” ausgerufen und zieht ein Netz von Radschnellwegen durch die Stadt, wie sie auch für Berlin geplant sind.

Pop-Up-Radweg (c) ha

Lockdown 2

Mittlerweile sind wir im zweiten Lockdown. “Im Frühjahr ging es darum, schnell Radwege auf die Straße zu bekommen. Zunächst temporär, um dann nachzubessern und zu verstetigen,” sagt  Monika Herrmann im Gespräch im Dezember. Bei den großen Straßen ist die Senatsverwaltung federführend und der Bezirk ist in ständigem Dialog. Da sind viele Interessen in Einklang zu bringen. Die Radstreifen sollen nach Möglichkeit so geschützt sein, dass sie nicht als Standstreifen für Autos missbraucht werden können. Zugleich sollen sie als Rettungsgassen dienen, daher ist das sog. Verpollern nicht das Mittel der Wahl. Am Beispiel Hasenheide ist man hier im Gespräch mit der Feuerwehr. Die Radstreifen farblich abzusetzen – an sich ein guter Gedanke – ist eine bauliche Maßnahme und stellt damit keine kurzfristige Lösung dar. “Davon sind wir zunächst eher abgekommen,” so Herrmann.

Beispiel Oranienstraße

“Unser Bezirk dient vielen zur Durchfahrt und leider hat der Autoverkehr insgesamt noch nicht signifikant abgenommen. Wenn wir den Straßenraum neu aufteilen und beispielsweise zugunsten des Radverkehrs die Zahl der Parkplätze reduzieren, muss das Angebot attraktiv sein.” Am Beispiel Oranienstraße – der Umbau zwischen Moritzplatz und Skalitzer Straße steht seit 2017 ganz oben auf der Liste – erläutert sie die Komplikationen beim Interessenausgleich. “Wir wollen ja nicht, dass der Verkehr nur auf die umliegenden Straßen ausweicht. Liefermöglichkeiten auch für größeres Gerät wie für das SO36 müssen erhalten bleiben. Auch der Bus soll bleiben.” Inzwischen hat es mehrere offene Bürger*innen-Versammlungen gegeben. Die Aufenthaltsqualität durch Verbreiterung der Gehwege und mehr Bänke zu erhöhen, löst ebenfalls nicht nur Begeisterung aus. “Dann haben wir Halli-Galli die ganze Nacht!” – so die Befürchtung.

Eine Machbarkeitsstudie ist jetzt in Auftrag. “Das wird eine Aufgabe für die nächste Legislaturperiode ab dem kommenden Herbst,” sagt Monika Herrmann. “Wenn wir den Autoverkehr dauerhaft aus der Innenstadt heraus halten wollen, kann der Umbau nur im Miteinander mit den Außenbezirken gelingen.”

Die Ideen liegen auf dem Tisch. Jetzt gilt es, sie mit starken grünen Mehrheiten auch zügig umzusetzen.

 

Henry Arnold