Silvio Meier Preis

Die Vorfälle nicht nur in Neukölln, die zunehmende Bedrohung von Menschen, die sich gegen rechten Populismus und Neonazismus wehren, die sich gegen Diskriminierung und für Diversität engagieren, die sich gegen die Ausgrenzung von Menschen einsetzen, die zu „anderen“ oder „fremden“ gemacht werden, zeigen wie wichtig ein Preis wie der Silvio-Meier-Preis gerade heute ist.

Auslobung des Silvio-Meier-Preises 2019

Am 21. November 1992 wurde im U-Bahnhof Samariterstraße in Friedrichshain der damals 27-jährige Silvio Meier von jugendlichen Neonazis erstochen. Die Polizei sprach damals von einem Streit zwischen Jugendgruppen. Ein politischer Hintergrund wurde geleugnet. Silvio Meier wurde so nicht nur zu einem Opfer rechter Gewalt, sondern darüber hinaus zu einem Symbol für den Kampf gegen Rechts, gegen die Ignoranz, Leugnung und fehlende Anerkennung der Gefahr rechter Gewalt durch den Staat und seine Repräsentant*innen. Doch nicht nur sein gewaltsamer Tod, sondern mehr noch sein Leben und politisches Wirken, das mutige Eintreten gegen jede Form Dogmatismus, Entmündigung, Zwangsherrschaft und soziale Exklusion machen Silvio Meier zu einem herausragenden Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements. Er war unter anderem in der Friedens- und Menschenrechtsbewegung der DDR aktiv, gehörte zu den Mitbegründern der „Kirche von unten“, organisierte Konzerte verbotener Bands, war aktiv an der Vorbereitung der legendären Frühlingsfeste der Berliner Punks beteiligt und gehörte auch nach der Wende zur frühen Antifa- und Hausbesetzer*innenszene in Friedrichshain.

Mit der Verleihung des Silvio-Meier-Preises bezieht der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg klare Position gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung und will aktives, gewaltfreies Eintreten für Freiheit, politische und kulturelle Emanzipation unabhängig von Herkunft, Religion, sozialer Stellung oder sexueller Identität ermutigen und entsprechendes Handeln unterstützen und ehren.

Die öffentliche Ehrung erfolgt in diesem Jahr erstmals im Juni, und zwar am 20.6. im Jugend[widerstands]museum. Damit wird an den von Silvio Meier und der Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung organisierten Kirchentag von Unten in Ostberlin im Juni 1987 erinnert. Dieser war für Silvio Meier und die Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsbewegung in der DDR einer der größten politischen Erfolge. Bisher fand die Verleihung in zeitlicher Nähe des Todestages Silvio Meiers, dem 21. November, statt. Doch insbesondere Angehörige, Freunde, sowie die in der Jury vertretenen Initiativen waren der Meinung, dass nicht Silvios gewaltsamer Tod, sondern sein Engagement, seine Kreativität, sein Mut und sein Umgang mit politischen Missständen als Basis für die Preisverleihung erkennbar sein sollen.

Voraussetzungen für die Bewerbung

Der Silvio-Meier-Preis ehrt Einzelpersonen, Gruppen, Initiativen oder Projekte, die sich im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aktiv gegen soziale Bevormundung, Entmündigung, Diskriminierung, soziale und kulturelle Ausgrenzung einsetzen oder eingesetzt haben. Außerdem werden herausragende Handlungen oder das Zeigen von Zivilcourage gegenüber rechtsextremistisch und rassistisch motivierter Gewalt oder Aktionen geehrt werden. Einzelpersonen, Gruppen, Initiativen oder Projekte, die eine oder mehrere dieser Voraussetzungen erfüllen, können sich entweder selbst bewerben oder vorgeschlagen werden. Bewerbungen und Vorschläge können bis zum 19. Mai 2019 in Form einer schriftliche Projektbeschreibung und Begründung für die Bewerbung bzw. den Vorschlag an die folgende Adresse geschickt werden: silvio-meier-preis@ba-fk.berlin.de

Werner Heck, Bezirksverordneter für den Stachel Mai 2019

 

Silvio-Meier-Preis 2018

Am 21.11.2018, dem Todestag Silvio Meiers, im Jugend[widerstands]museum Raul Aguayo-Krauthausen und der Verein Initiative Togo Action Plus e.V. für ihr Engagement gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung mit dem Silvio-Meier-Preis 2018 geehrt.

Die Initiative Togo Action Plus e.V. wurde 2004 gegründet und hat ihren Sitz in Friedrichshain. Der Verein engagiert sich als Flüchtlingsinitiative und unterstützt politisch, rassistisch und religiös Verfolgte, Geflüchtete und Vertriebene und hat seine Wurzeln im migrantisch-selbstorganisierten Aktivismus gegen Rassismus in Deutschland. Seit 2012 bietet der Verein Deutschkurse in seinen Räumlichkeiten an, die mit Hilfe von Spenden und der Arbeit von Ehrenamtlichen umgesetzt werden. Neben den Sprachkursen werden Infoveranstaltungen u.a. zu Asylrecht, Aufenthaltsgesetzen und der Residenzpflicht angeboten.

Der Kreuzberger Raul Aguayo-Krauthausen (geboren 1980) ist Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit. Er ist Gründer und Vertreter des gemeinnützigen Vereins SOZIALHELDEN und schafft es, Menschen für gesellschaftliche Probleme zu sensibilisieren und zum Umdenken zu bewegen. So verstehen sich auch die SOZIALHELDEN als Denkfabrik für soziale Projekte, z.B. Leidmedien, Wheelmap, TravelAble, BrokenLifts und Wheelramp. Raul Aguayo-Krauthausen ist darüber hinaus Autor, Blogger, Ashoka Fellow und moderiert seine eigene Talksendung.

Die Laudatio für die Initiative Togo Action Plus e.V. hielt Gökhan Akgün (DGB-Kreisvorsitzender Friedrichshain-Kreuzberg). Und Matthias Vernaldi für Raul Aguayo-Krauthausen. Diese präsentieren wir ihnen nun in leicht gekürzter Form:

Matthias Vernaldi: Laudatio für Raul Krauthausen

(…) Als du, Dirk Moldt, mich fragtest, ob ich die Laudatio zur Verleihung des Silvio-Meier-Preises an Raul Krauthausen übernehmen würde, habe ich erst einmal herumgedruckst. Das hat mit meiner kritischen Haltung zur Ikonisierung zu tun. Und trotzdem wollte ich nach ein paar Gesprächen und vor allem ernst genommenen Gefühlen auf einmal unbedingt der Laudator sein.

Vor deutlich mehr als zehn Jahren habe ich dich, Raul, kennengelernt. Da warst du schon eine Ikone. Du standest auf einmal exemplarisch für alle behinderten Menschen, weil du ein Medienstar wurdest. Was die Ikonisierung für dich mitunter bedeutet, habe ich erlebt, als wir einmal mit einem Wein und ein paar Oliven auf der Admiralsbrücke in der Sonne saßen. Eigentlich wollten wir entspannt miteinander quatschen. Aber diese Entspannung wollte nicht aufkommen. Alle paar Minuten kamen Leute mit einem infantilen Grinsen im Gesicht auf dich zugestürzt, weil sie dich erkannten. Sobald du das bemerktest, sagtest du laut und streng: „Bitte nicht anfassen! Ja nicht anfassen!“ Manche ignorierten das und du musstest mit dem Rollstuhl rückwärts ausweichen, um ihnen zu entkommen.

Silvio kannte ich etwa vier oder fünf Jahre lang. Er tauchte 1987 oder 88 in unserer Landkommune in Hartroda auf. Ich weiß es nicht genau, weil kein Historiker daneben stand und es aufschrieb. Obwohl … wahrscheinlich steht es in der Stasiakte. Ihr wart sehr häufig im Doppelpack unterwegs. Kurz nach der Wende habt ihr die Schreinerstraße 47 mit besetzt und seither war ich auch öfter dort.

Eines Abends meldete die Tagesschau, dass bei einer Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen ein junger Mann aus der Hausbesetzerszene erstochen worden war. Erst zwei Tage später erfuhren wir in der Landkommune in Thüringen, dass der Tote Silvio war. Ich kann mich noch sehr gut an meine Gefühle erinnern. Abgesehen von der Bestürzung und der Trauer um diesen jungen sympathischen Mann und seine Angehörigen, habe ich nicht gedacht: „Was für ein Held!“ oder „Was für ein Märtyrer!“ Ich habe gedacht: „Scheiße! Jetzt wird es ernst. Die wollen uns wirklich tot machen.“ Ich hatte Angst um mein Leben und um das meiner Freunde.

Ende des Sommers 1992 – also ein Vierteljahr zuvor – stand ich gegen Mitternacht mit meinem Rollstuhl allein auf dem Parkplatz vor dem Geraer Kino. Auf einmal war ich von fünf oder sechs jungen Männern mit Glatze und Springerstiefeln umringt. Der mir gegenüber grinste und sagte: „Na?“ Dann brüllten alle: „Euthanasie!“ Ich schrie (sofern man das mit meinem schwachen Stimmchen schreien nennen kann): „Fresse, ihr Scheißnazis!“ Sie zogen grinsend ab. Für sie ein gelungener Spaß.

Für mich zieht sich von hier eine direkte Linie zur Verleihung des Silvio-Meier-Preises an dich, Raul. Erst in den letzten 20 Jahren hat sich allmählich die Erkenntnis in der Breite durchgesetzt, dass kranke und behinderte Menschen zu den Opfergruppen des Nationalsozialismus gehörten.(…) Man scheute sich, das als Verbrechen zu werten. Die meisten fanden es ja irgendwie richtig – eine Art Gnade. Und auch heute wird das Ganze noch, nun demokratisch und selbstbestimmt, durchdekliniert. Sagte der Führer noch: „Du bist Scheiße, dich mache ich tot!“, machen wir heute einen Vertrag, in welchem steht: „Sollte ich jemals so Scheiße sein, dann macht mich bitte tot!“ In dieser Haltung kommt die ganze Angst und die ganze Abwehr unsere Kultur bezüglich Krankheit und Behinderung zum Ausdruck. Sie kommt zu wesentlichen Teilen daher, dass Kranke und Behinderte seit etwa 150 Jahren in Heimen, Anstalten und Einrichtungen isoliert und ihrer Rechte beraubt wurden und werden. Hilfsbedürftigkeit bedeutete Rechtlosigkeit. Das hat sich dann im Nationalsozialismus in aller Konsequenz umgesetzt. Hier wurde endgültig klar, dass die Wohltäter sehr wohl Täter sind. Die Wohlfahrt machte sich auf breiter Linie zum Kollaborateur der Mörder. Das alles lief so reibungslos, weil die Opfer sowieso schon interniert waren. Es waren keine Angehörige, Freunde, Nachbarn, Kollegen oder Vereinsmitglieder. Sie lebten in einer Sonderwelt. Ihr Verschwinden wurde er verwaltungstechnisch gesehen, aber keiner vermisste sie konkret.

Letzte Woche habe ich dich, Raul, in der ARD im Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ gesehen. Da wurde ein Comic vorgestellt, der die Perspektive eines jungen Mannes mit Lernschwierigkeiten einnimmt, der in ein „Behindertendorf“ in Norddeutschland kommt. Eine ungewöhnliche Graphic Novelle. Alle waren hingerissen davon. Dann kamst du und hast ihnen die Idylle zerschlagen. Ich hätte dich knutschen können! Du hast gesagt, dass Einrichtungen nicht dazu geeignet sind, Inklusion zu schaffen. Schließlich exkludieren sie ja, schaffen Sonderwelten. Vor allen hast du gesagt, dass es auch anders geht. Vor noch nicht allzu langer Zeit bist du sogar undercover ins Heim gegangen, um zu zeigen, welche Herabwürdigung und Zumutung in einem solchen Leben besteht.

Seitdem es dich als Medienphänomen gibt, höre ich immer mal wieder Leute sagen: „Mensch, der Krauthausen, der hat mehrere Start-up-Sachen am Start, der macht Talkshows und hat sogar eine eigene und redet sogar über Sexualität und Behinderung.“ Und ich entgegne dann manchmal: „Es gibt doch viele Leute, die so drauf sind.“ Und dann höre ich: „Aber der ist doch behindert!“ Und dann begreife ich, dass die meisten denken, dass Behinderte so etwas nicht können. Die brauchen ja Hilfe. Ich habe das bisher kritisch gesehen, denn seit mindestens 30 Jahren gibt es behinderte Anwälte, Ärzte, Schauspieler, Autoren, Journalisten usw., manchmal auch extrem erfolgreiche. Jetzt habe ich aber begriffen, wie wichtig du auch als Ikone bist. Denn nur so gibt es Ansätze dafür, dass die Masse Behinderung nicht immer nur negativ konnotiert. Es ist so simpel: Wir (damit meine ich nicht dich und mich, sondern uns als Gruppe, denen Behinderung zugeschrieben wird) sind Leute, mit denen man Projekte machen, Bier trinken und ins Bett gehen kann. Leider müssen wir das betonen, weil es für die meisten einfach undenkbar ist. Du, Raul, spielst bei der Verbreitung dieser simplen Wahrheit schon seit Jahren eine enorme Rolle. Damit trägst du zu einer vielfältigen Gesellschaft bei, die andere Normen setzt.

Diese Gesellschaft hat aber nur Bestand, wenn sie nicht auf Ikonen angewiesen ist. Vielmehr müssen Gesetze und ihre Anwendungen die Vielfalt garantieren. Den Kampf gegen das Bundesteilhabegesetz haben wir verloren. Nun müssen wir es umsetzen bzw. die Umsetzung an uns und anderen erdulden. Unsere Solidarität ist gefragt und auch unser Mut und natürlich auch unser Pragmatismus – also unsere Bereitschaft, mit dem Gesetzgeber und den Behörden zusammenzuarbeiten und das schlechte soweit zu verbessern, dass es nicht ganz so weh tut.

Ich kann gar nicht anders, als damit zu enden, dich, liebe Superclara mit dem grünen Zaubersaft; oder dann lieber doch Sie, verehrte Clara Hermann, Ihres Zeichens Stadträtin für Finanzen, und natürlich uns alle auf den hier auf der Hand liegenden Zusammenhang zwischen Preisträger und Kostenträger hinzuweisen, denn Raul Krauthausen erhält ja vom Bezirksamt nicht nur einen Preis, sondern monatlich Leistungen der persönlichen Assistenz für behinderte Menschen. Diese Form der Hilfeerbringung ist nicht nur für ein paar Elitekrüppel wie Raul und mich die Form, die auch schwerbehinderten Menschen die Grundlage dafür bietet, ein Leben ähnlich dem eines nichtbehinderten Menschen zu führen, so dass sie ein Teil der Vielfältigkeit werden, die uns gegen die drohende Macht derer, die Silvio Meier töteten, wappnen kann. Ganz prosaisch und realpolitisch: Das ist auch eine Kostenfrage.

Raul, ich freue mich sehr, dass du diesen Preis bekommst.