Trotz Putins Überfall auf die Ukraine, verbrennen wir weiter munter russisches Gas, russisches Öl, russische Kohle – und auch russisches Uran. Dabei geht auch anders.

Allein in den ersten 50 Tagen seit Kriegsbeginn haben die Länder der Europäischen Union über 30 Milliarden Euro für fossile Energieimporte nach Moskau überwiesen, so Schätzungen von „Beyond Coal“. Muss das so sein? Hängen wir wirklich so sehr an Putins Nadel, dass er alles machen kann, bevor wir auf seinen Stoff verzichten?
Natürlich nicht. Auch wenn die Industrieverbände schreien – in wenigen Jahren müssen wir ohnehin auf russisches Gas verzichten – wie auf alle anderen fossilen Importe auch. Denn mitten im Krieg hat der Weltklimarat (IPCC) Anfang April in seinem Zwischenbericht klargemacht: Allen bisherigen Verpflichtungen zum Trotz steuern wir auf eine katastrophale Erwärmung von mindestens 3 Grad Celsius zu. Nur ein systemischer Wandel wird heftigste Klimafolgen abwenden und das 1,5-Grad-Ziel doch noch in Reichweite bringen, so die Expert*innen.
Wir müssen also jetzt „springen“:  In der Entwicklungszusammenarbeit nennt man das Überspringen von bestimmten Technologien „leapfrogging“ – so sprangen weite Teile Afrikas ohne den Zwischenschritt der Festsetze direkt zum Mobilfunk. Wir müssen ohne den „Zwischenschritt“ Gas in eine fossil-freie Zukunft springen.
Auch wenn das zu Verwerfungen führen kann. Dabei müssen unabsehbare Folgen, sog. „Kaskadeneffekte“ (weil plötzlich irgendein Vorprodukt fehlt, vermieden werden. Zur Not durch Rationierung.

Flüssiggasimporte aus Katar oder den USA sind jedenfalls keine Lösung. Denn anders als oft behauptet, ist Gas nicht „besser“ als Kohle. Zwar setzt das Verbrennen weniger CO2 frei, aber dafür entweicht bei der Förderung und auf dem langen Weg in unsere Heizungskeller jede Menge Methan. Methan ist aber 80 mal klimaschädlicher als CO2.
Notwendig sind jetzt der beschleunigte Ausbau der inner-europäischen erneuerbaren Strom- und Wärmeversorgung, die Flexibilisierung des Strom- und Gasverbrauchs und natürlich auch das Energiesparen, etwa durch Dämmung oder Tempolimit. Dabei helfen drei Elemente, die bislang gefehlt haben: breiter politischer Wille, die ökonomischen Mittel und nicht zuletzt auch die stark gestiegene Einsicht in die Notwendigkeit der Transformation: Viele Menschen wollen jetzt Solaranlagen auf ihren Dächern und Wärmepumpen in ihren Kellern.
Erneuerbare Energien sind von ihrer Natur her eher dezentral. Darin liegt ein unglaubliches Demokratisierungs- und auch Gerechtigkeitspotenzial. Alle sollten die Chance erhalten, ihre Energieversorgung selbst zu organisieren. Solche “energy communities” wissen oft am besten, wie viel Energie sie wann brauchen – und auch wo sie Energie sparen können. Sie wissen, wo die Wind- und Solaranlagen am besten hinpassen. Und sie wissen am besten, wie sie Einsparung, Verbrauch und Erzeugung zusammenbringen. Das Energiesystem kann diese „Schwarm-Intelligenz” nutzen! So heizen wir weder das Klima noch grausame Angriffskriege an.

 

Philip Hiersemenzel, Mitglied im GA Xhain

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Stachel, der bündnisgrünen Parteizeitung in Xhain.