Bis spätestens 2045 muss Berlin klimaneutral sein. Ein großer Hebel für mehr Klimaschutz ist die Art wie wir unsere Wohnungen heizen. In Friedrichshain-Kreuzberg entfallen 57 % des gesamten Endenergieverbrauchs auf die Wärmeversorgung von Wohngebäuden. Diese basiert derzeit auf Erdgas (50 %) und Fernwärme (35 %). Die Wärmewende der Bestandsgebäude birgt dabei das größte Potenzial.

Auf klimaneutrale Heizungen umzusteigen, ist für Eigentümer*innen allerdings oft mit hohen Investitionen verbunden. Mieter*innen haben meist gar keinen Einfluss auf die Art ihrer Heizung und fürchten zusätzliche Kosten. Wie kann also eine klimafreundliche und gleichzeitig bezahlbare Wärmeversorgung in einem so dicht bebauten Bezirk wie Friedrichshain-Kreuzberg gelingen?

Gemeinsam mit der AG Klima & Ökologie sind wir dieser Frage am 23. Juni bei unserer Sonder-Bezirksgruppe im Aquarium nachgegangen. Statt abstrakter Debatten standen drei konkrete Praxisbeispiele aus unserem Bezirk im Mittelpunkt. Sie zeigen, wie Klimaschutz, Versorgungssicherheit und bezahlbares Wohnen zusammenpassen.

Energetisches Quartierskonzept am Kottbusser Tor

Den Anfang machte unsere Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann mit exklusiven Einblicken zur Planung des energetischen Quartierskonzept im Gebiet Kottbusser Tor. Das Bezirksamt treibt dieses Modellprojekt gemeinsam mit der HOWOGE, den Stadtwerken und CO2Zero voran. Ziel ist eine sozial verträgliche Sanierung im Gebäudebestand, bei der bezahlbare Lösungen direkt mit den Menschen vor Ort entwickelt werden. Friedrichshain-Kreuzberg übernimmt damit eine Vorreiterrolle für ganz Berlin.

In Planung ist ein kaltes Nahwärmenetz, das im Sommer überschüssige Wärme in einem unterirdischen Aquiferspeicher im Grundwasser für den Winter zwischengeparkt. Ein genialer Nebeneffekt: Die Einspeicherung der Wärme im Sommer erlaubt eine Kühlung der Umgebungsluft z.B. in engen Innenhöfen. Im Winter entziehen Wärmepumpen dem Aquiferspeicher die eingelagerte Wärme fürs Heizen und im Haus hebt eine Wärmepumpe das Temperaturniveau bedarfsgerecht an. Eine Probebohrung in der Prinzenstraße am Böcklerpark verlief bereits erfolgreich und bestätigte das enorme Potenzial vor Ort.

Eisspeicher am Osthafen

Es gibt aber noch weitere Arten von Wärmespeichern. So nutzt das Dockyard-Projekt am Osthafen einen Eisspeicher. Michael Viernickel von erQ Analytics GmbH hat seine Erfahrungen aus diesem Projekt mit uns geteilt. Der Büroneubau in Holz-Hybridbauweise setzt auf ein komplett strombasiertes Energieversorgungskonzept und kommt ohne fossile Energieträger aus. Neben Photovoltaik und PVT-Kollektoren (Solar-Hybridmodule, die gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen) ist der Eisspeicher das Herzstück an diesem Projekt.

Hierfür wurde ein stillgelegter Eisenbahntunnel neben dem Gebäude umfunktioniert. Mit 1.500 Kubikmetern Volumen gehört dieser Eisspeicher zu den größten in Europa. Die im Dockyard-Projekt erprobten Technologien lassen sich künftig auf Wohngebäude hochskalieren und liefern wichtige Erkenntnisse für die soziale Wärmewende.

Mut zahlt sich aus

Wie die energetische Sanierung eines Berliner Altbaus sozialverträglich gelingen kann, hat Christian Kortenkamp vorgestellt. Der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses mit 10 Wohneinheiten in Kreuzberg ging Schritt für Schritt vor und hat seine Mieter*innen von Anfang an eingebunden.

Bei der energetischen Sanierung in den frühen 2000ern wurde die veraltete Gas-Zentralheizung durch ein modernes Gerät ausgetauscht, die Warmwasserbereitung zentralisiert und durch eine thermische Solaranlage unterstützt.

2021 entstand die Idee, das Haus mit einer fossilfreien Wärmeversorgung auszustatten. Die Wahl fiel auf eine Wärmepumpe, obwohl Fernwärme zur Verfügung stand. Aber die Abhängigkeit war ein zu großes Risiko. Im Oktober 2023 wurde die Wärmepumpe in Betrieb genommen. Mittlerweile wird der Einbau erneuerbarer Heizungen auch in Milieuschutzgebieten deutlich einfacher genehmigt, da der Klimaschutz rechtlich höher gewichtet wird, solange die Mieten bezahlbar bleiben.

Mit seinen Mieter*innen vereinbarte Christian Kortenkamp eine feste Modernisierungsumlage, übernahm das Risiko von ungeplanten Kostensteigerungen komplett selbst und garantierte eine Senkung des Energieverbrauchs um 60 Prozent. Tatsächlich lag die Einsparung in den letzten beiden Jahren jeweils bei circa 66 Prozent: die Bewohner zahlen also zwei Drittel weniger fürs Heizen inkl. Warmwasserversorgung. Ein echtes Vorbild für den Wohnungsmarkt.

Podiumsdiskussion und Publikumsfragen

In der anschließenden Diskussion brachten die rund 50 Teilnehmenden ihre drängendsten Fragen ein. Neben technischen Details ging es vor allem um die Bezahlbarkeit der Warmmieten. Die rege Beteiligung machte deutlich, wie emotional und wichtig die soziale Wärmewende gerade für Mietende im Kiez ist.

Unter der Moderation von Katrin Schmidberger (mietenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/die Grünen im Abgeordnetenhaus) diskutierte die Runde am Ende, welche politischen Rahmenbedingungen es nun braucht. Die Veranstaltung hat gezeigt: Durch gemeinsame Anstrengungen, mutige Investitionen und Quartierskonzepte lässt sich die Wärmewende in Friedrichshain-Kreuzberg klimaneutral und sozial gerecht gestalten.